Die jüngsten Aufstände in der arabischen Welt finden nicht mehr nur auf der Straße statt – auch im Internet formieren sich Regierungsgegner, organisieren ihre Demonstrationen und schreiben sich den Unmut über die Dikatatoren vom Leib. Auch in Tunesien haben junge Menschen die Möglichkeiten des Internets genutzt. Das unabhängige tunesische Blog-Kollektiv nawaat.org wurde 11. März 2011 nun von Reporter ohne Grenzen (ROG) für seinen wichtigen Beitrag zur freien Meinungsäußerung mit dem Netizen-Preis ausgezeichnet. Ich habe heute mit einem der Gründer der Seite gesprochen.
Nawaat.org exisitiert seit 2004. Übersetzt bedeutet der Name der Seite so viel wie Kern, ein Kern aus dem etwas wachsen und gedeihen kann. Im Gegensatz zu vielen anderen Blogs schreibt dort nicht nur eine Person, sondern viele Blogger, hauptsächlich aus Tunesien. “Was sie gemeinsam haben, ist, dass sie ihre Meiung ausdrücken und die Freiheit haben wollen, darüber zu schreiben”, sagt Riadh Guerfali, einer der Gründer von nawaad.org. Unter dem Namen Astrubal publiziert er dort Texte und Videos. Für ihn ist Nawaat eine Plattform, die den Menschen hilft, ihre fundamentalen Rechte zu verteidigen.
Der tunesische Diktator Ben Ali floh am 14. Januar 2011 aus Tunesien. Wenn Astrubal über diesen Tag spricht, wird er aufgeregt, die Stimme geht nach oben, er will erzählen, wie wichtig das Internet, wie wichtig Nawaat bei dem Umsturz war. “Das System musste irgendwann kollabieren”, berichtet er über seine Hoffnungen während der vielen Jahre der Unterdrückung. Von Ben Ali seien die Nawaat-Blogger in dieser Zeit als Geächtete, als Diebe oder als die Bösen beschimpft worden. Einfach, weil sie nicht müde wurden, immer wieder zu schreiben, dass sie Freiheit wollen, dass nicht sie, sondern der Diktator selbst der Böse ist. “Wir hatten Angst vor Ben Ali. Jeden Tag, wenn ich nach Hause kam, musste ich damit rechnen, dass die Polizei vor meiner Tür steht”. Ben Ali habe einfach gewusst, dass er in Gefahr ist, wenn die Menschen ihre Meinung frei äußern können.
Auf Nawaat wurden bereits im Dezember 2010 Artikel über Aufstände in Sidi Bouzid, dem Anfangspunkt der Massenproteste in Tunesien, veröffentlicht. Von anderen Medien wurde das in den ersten Wochen kaum wahr genommen. ROG hebt in der Bekanntgabe des Gewinners des Netizen-Preises hervor, dass Nawaat auf seiner Seite, unter dem Punkt “TuniLeaks”, Enthüllungsdokumente von Wikileaks über Tunesien veröffentlicht.So findet sich dort ein Schriftwechsel zwischen der US-Botschaft in Tunesien und der Regierung in Washington. Von den Blogbetreibern wird folgende Zeile fett hervorgehoben: “Tunesien ist ein Polizeistaat mit geringer Meinungs- oder Vereinigungsfreiheit und einem ernsthaften Menschenrechtsproblem.” Astrubal kritisiert, dass die westlichen Regierungen, trotz dieser Erkenntnisse, weiterhin das Unterdrücker-Regime Ben Alis unterstützt haben: “Wir haben doch alle die gleichen Werte, wir alle wollen Freiheit, auch die Tunesier”. Dass auch die Menschen dort in einer Demokratie leben wollen, hätte man doch im Internet nachlesen können.
Wie groß die Rolle des weltweiten Netzes tatsächlich gewesen ist, wird immer wieder diskutiert. Für den Netizen Astrubal steht das außer Frage: “Das Internet ist fantastisch”, wiederholt er immer wieder. “Es ordnet sich keiner Regierung unter, ordnet sich nicht der Meinung des Redakteurs eines wichtigen Mediums unter”, es sei ein unglaublich wichtiges Werkzeug für die freie Meinungsäußerung. “Ich kann dort eine Information veröffentlichen und Menschen auf der ganzen Welt können sie lesen”. Transparenz und die wahren Ansichten der Menschen stehen für ihn im Vordergrund. Wenn diese endlich publik werden, könne einiges erreicht werden. Auch in anderen arabischen Ländern werde sich durch die öffentliche Meinung noch vielen ändern. “Es kann nur besser werden und das Internet kann dabei helfen.”


